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Stein ist ein Stein ist ein Stein

Ein Stein ist eine Verdichtung von Raum und Zeit. In seinen Rillen, Fugen und Brüchen transportiert er die Spuren der sedimentierten Schwemmböden, von vulkanischer Asche und infernalischen Hitze, von den Trübungen des Meeres und dem Knirschen der tektonischen Verschiebungen. Kräfte und Bewegung, die Form geworden sind. Ein Stein passt in eine Hand. Sie zirkulieren: Heilsteine, Baustoffe, Parkplatzbegrenzungen, Glaubensobjekte. Sie durchdringen unsere Körper (Kapsel, Spurenelement), pharmapornographisch und Hindernis wie kollaborative Kraft. Steine rufen Erzählungen ins Leben.

Johanna Benders Arbeit beginnt bei diesen Spuren. Sie nähert sich der Materie nicht analytisch, sondern aufmerksam, fürsorglich. Sie hört zu. Sie schaut. Ihr Interesse gilt dem, was in Dingen enthalten ist – nicht als Essenz, sondern als Imagination, als Beziehungsweisen. Zwischen Haut und Gestein, zwischen Berührung und Abstand, zwischen Sammeln und Erinnern. Ihr Blick ist nicht dokumentarisch, sondern stellt Verwandtschaften her. Er tastet entlang von Texturen, Resonanzen, Entsprechungen. Maßstäbe geraten in Bewegung. Die Bilder operieren mit Nähe, Verlangsamung und Verschiebung – sowohl räumlich als auch begrifflich. Haut trifft auf Fels, Poren auf Risse, Weichheit auf Masse.

Stein: sich verdichten, zusammendrängen stopfen, gerinnen, stocken.

Vielleicht ist das, was Johanna Bender vorschlägt, auch eine Form des Erinnerns, die sedimentär angelegt ist: zwischen Mensch und Stein, Bild und Geste, zwischen Zeigen und Schweigen. Ein Stein ist ein Stein ist ein Stein. Und ein Körper. Eine Geschichte. Eine Störung. Eine Nähe. Eine Zeugin, ein Komplize. Und verwandt.

Text: Felix Pacholleck

Hanna Bender (lebt und arbeitet in Leipzig) kombiniert in ihrer ersten Einzelausstellung im Kunstraum turbine Hohenofen zwei fotografische Arbeiten zum Thema Familie mit einer Installation, für die sie mit den gesammelten Steinen ihrer Großmutter arbeitet. Dabei zeigt sie Körper, Oberflächen und Momente, verbindet organisches mit unorganischen und lenkt den Blick der Betrachter:innen auf Details, die abstrakt und doch vertraut erscheinen.

Kuration: Felix Pacholleck & Nancy Göring